Wenn Medikamente abhängig machen...
Das Suchtmittel kauft man selbst in der Apotheke oder bekommt es auf Rezept und es gibt immer gute Gründe dafür, dass es ohne nicht geht: Schmerzen, Unruhe, Ängste oder Anspannungen... dagegen helfen Kopfschmerztabletten, Beruhigungsmittel oder Einschlafhilfen. Wir haben sie jederzeit griffbereit und sie „gehören in jede Hausapotheke“. Harmlose Helfer? Medikamente, die heilen und gesund machen sollen, können krank und abhängig machen. Das geht schnell und meist unbemerkt. Leistungsfähig bleiben, trotz der Beschwerden, Durchschlafen, obwohl alles im Kopf rotiert – dafür gibt es schließlich Hilfsmittel und viele davon sogar ohne Rezept.


Als stille Sucht wird die Abhängigkeit von Medikamenten bezeichnet. Denn der Übergang zwischen Gebrauch und Missbrauch ist besonders schwer zu unterscheiden. Wenn Schmerzen, Unruhe oder Ängste bleiben, werden Ursache und Wirkung leicht verwechselt. Was ist noch die eigentliche Krankheit – was sind schon Entzugserscheinungen? Die Symptome bleiben oder werden stärker und der weitere Missbrauch in höherer Dosis scheint unumgänglich. Wer abhängig von Medikamenten ist, fällt so schnell nicht auf und kann vielmehr mit Mitleid rechnen. Und so ist es oft ein langer Weg bis zu der Einsicht, dass man den Gebrauch eines Schmerz-, Schlaf oder Beruhigungsmittels längst schon nicht mehr selbst bestimmt.

Nebenwirkung: Sucht. Zahlen und Fakten

In Deutschland sind etwa 1,4 Millionen Menschen abhängig von Medikamenten. Zwei Drittel von ihnen sind Frauen.  Etwa 5-6% aller verordneten Medikamente besitzen ein eigenes Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotential. Zu den kritischen Heilmitteln, die süchtig machen können, zählt die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren fünf Medikamentengruppen: Schmerzmittel, Hustenmittel, Schlaf, Beruhigungs- und Aufputschmittel.
Besonders hoch ist das Suchtpotential der verschreibungspflichtigen Schlaf- und Beruhigungsmittel. Von dem darin enthaltenen Wirkstoff Benzodiazepin sind in Deutschland schätzungsweise 1,1 Millionen Menschen abhängig. Doch auch andere Medikamente können süchtig machen: so ist auch der Gebrauch von Antidepressiva und Neuroleptika, die zunehmend als  Ersatz für bestimmte Schlaf- und Beruhigungsmittel verordnet werden, bedenklich. In Deutschland steht die Abhängigkeit von Medikamenten an zweiter Stelle – nach dem Alkohol – unter den Suchterkrankungen.

Gebrauch oder Missbrauch?
Oft dauert es sehr lange, bis eine Abhängigkeit von Medikamenten erkannt und akzeptiert wird. Die Symptome sind nicht bekannt und auch wenn Betroffene und deren Angehörige spüren, dass sich der Patient verändert, wird dies falsch eingeschätzt oder verdrängt. Erst wenn das Medikament nicht mehr zur Verfügung steht, zeigen sich die typischen Entzugserscheinungen:

Sie sollten aufmerksam werden, wenn...
 

  • ...Sie an sich körperliche Symptome wie Schläfrigkeit, Stürze, neurologische Ausfälle, Schwitzen, Übelkeit und Gewichtsverlust beobachten.
  • ...Sie unter psychischen Symptomen wie Interessenverlust, Stimmungsschwankungen, Gleichgültigkeit, ängstlicher Unruhe und Spannung leiden.
  • ...Sie nach dem Absetzen eines Medikamentes Angstzustände, Schwindelgefühle, Muskelzittern, Bauchkrämpfe, Übelkeit, Halluzinationen oder Krampfanfälle erleben.
  • ...Sie ein Mittel mit dem Wirkstoff Benzodiazepin einnehmen und merken, dass sie mit Appetitlosigkeit, Vergesslichkeit, ständiger Überforderung oder Gleichgültigkeit reagieren..
  • ...Ihre Krankheitssymptome, trotz der Einnahme eines Heilmittels nicht nachlassen, sondern bleiben oder zunehmen.
  • ...Sie auf starke Migränemittel angewiesen sind und Dauerkopfschmerzen entwickelt haben.
  • ...Sie dafür sorgen, dass Sie „Ihr“ Mittel griffbereit und jederzeit dabei haben.
  • ...sich jemand zurückzieht und immer mehr Medikamente kauft, sich von verschiedenen Ärzten Medikamente verschreiben lässt oder Präparate in mehreren Apotheken kauft, um nicht aufzufallen.

Das alles sind starke Anzeichen und Sie sollten klären, ob Sie ihr Medikament noch nehmen, weil sie krank sind – oder ob sie krank bleiben, weil sie Medikamente nehmen.

Hintergrund: Abhängigkeit

  • Die Diagnose der Medikamentenabhängigkeit ist wegen unterschiedlicher Konsummuster und Abhängigkeitsverläufe schwierig. Ein Teil der Abhängigkeiten bewegt sich im Rahmen der ärztlichen Verordnung (Niedrigdosis- Abhängigkeit) und wird erst beim Absetzten des Medikamentes deutlich.
  • Psychische Abhängigkeit kann durch langjährigen Missbrauch von beispielsweise Kopfschmerz- oder Schlafmittel entstehen. Diese Art der Abhängigkeit ist gekennzeichnet von dem Gefühl ohne das Medikament nicht mehr auszukommen, dies prägt sich nicht körperlich aus.
  • Daneben gibt es auch Stoffe, die zu der psychischen Abhängigkeit, auch eine starke körperliche Abhängigkeit erzeugen.
  • Körperliche Abhängigkeit ist gekennzeichnet durch Entzugserscheinungen des Körpers, die erst beim Absetzen eines Medikamentes entstehen.

Hilfen gegen die kleinen Helfer
Zahlreiche Medikamente werden eingenommen, um eine bestimmte Gemütsverfassung und Zustände wie Niedergeschlagenheit, Schlappheit, Einschlafstörungen oder Unruhe zu dämpfen, ohne deren Ursache zu beheben. Sie wirken zunächst positiv auf die Stimmung und das Wohlbefinden. Lässt die Wirkung der Medikamente nach, verschwindet der angenehme Zustand und die verdrängten Beschwerden treten wieder auf. Das Bedürfnis, diesen Zustand wiederherzustellen, führt zur weiteren Einnahme. Der Körper gewöhnt sich an das Medikament ebenso wie die Psyche. Um den gewünschten Effekt herzustellen, muss die Dosis bei vielen Mitteln gesteigert werden. Etwa ein Drittel der verordneten Medikamente mit eigenem Suchtpotential wird nicht wegen akuter medizinischer Probleme genommen, sondern, um die Entzugserscheinungen, die ein Absetzen des Medikamentes nach sich ziehen würden, zu vermeiden. Wer frei werden will von den Medikamenten, muss diesen Kreislauf durchbrechen. Das kann je nach Dauer der Abhängigkeit unterschiedlich lange dauern und in der Regel ist es besser, die Entwöhnung nicht auf eigenen Faust durchzuführen. In unseren Beratungsstellen sind wir dafür da, Ihnen Wege aus der Sucht zu zeigen. Wir unterstützen Sie bei der Suche nach ärztlichen und therapeutischen Hilfe. Sie finden bei uns Adressen von Selbsthilfegruppen, Informationen, praktische Hilfen und ein Beratungsteam, das sich Zeit nimmt für Ihre Anliegen und Fragen.

 

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